The 7th Day TEDx Stuttgart

TEDxStuttgart – Der 7. Tag

EXHIBITIONS, THE 7th DAY, WORK

TEDxStuttgart – Der 7. Tag: Silber, Lavendel, Asphalt, Sonne und Zeit | Przemek Zajfert

Da mein Mikrofon funktionierte nicht und die Tonqualität schlecht ist, habe ich unten eine Text Version meines Vortrags bereitgestellt:

0:30
Das ist nicht ein Sternenhimmel über dem Stuttgarter Westen. Das sind ein paar Tausend Fotografien aus dem Projekt „the 7th day, – „der 7. Tag“. Ich habe das Projekt 2012 gestartet. Es steckt dahinter kein religiöser Gedanken. Es ist ein fotografisches Projekt mit einer Camera Obscura. Ein Mitmache Projekt für alle. Der Titel heißt „der 7. Tag“, weil alle diese Fotografien, die in Rahmen des Projekts entstanden sind, oder entstehen werden, mindestens 7 Tage lang belichtet wurden.
1:17
Mit 7 habe ich meine erste Zigarette geraucht. (Lachen)
Die Marke hieß Sport, war ohne Filter und auf paar Schachteln pro Monat reglementiert. Damals war Polen, woher ich stamme, kommunistisch. 1 Mai Demonstrationen waren Pflicht. Man bekam fertige Transparente mit „Nein“ oder „Ja“, je nach politischer Lage. Die Geschäfte waren so ziemlich leer.
1:50
Ein Mikrofon wird auf der Bühne gebracht. Leider viel zu groß…und meine Hände brauche ich für meine Präsentation.
Lachen. Applaus
2:15
Der einzige Artikel im Überfluss 5 Kilo Blech Dosen mit Sauergurken oder Sauerkraut. Mit 10 habe ich meine erste Kamera gebastelt. Eine Lochkamera. Eben aus einer Sauergurkendose. Stundenlang rannte ich durch die Gegend, mit der Dose auf dem Kopf und beobachtete das kleine unscharfe Bildchen innen drin.
Es war Magisch. Die Welt stand auf dem Kopf. Ich dachte, ich habe wirklich was Großartiges, Einmaliges erfunden. Ich wusste damals nicht, dass vor 1000 Jahren nutzte man so ein Gerät zum Beobachten von Sonnenfinsternis und ein paar Hundert Jahren später skizzierte Canaletto mit Hilfe von Camera Obscura Perspektive seinen Stadtansichten. Es war für mich einfach nur Magie. Bis heute baue ich meine Fotoapparate aus Kisten, Schachtel und Dosen. Die Magie und das Rauchen sind auch geblieben.
(Lachen)
3:10
Diese geheimnisvollen Linien über dem Horizont, welche auf diesem Bild zu sehen sind, das ist der Verlauf der Sonne. Die Bewegung der Erde wurde aufgezeichnet. Im Winter und Frühjahr stehen diese Streifen niedriger, im Sommer verlaufen die ganz Hoch auf dem Bild. Belichtungszeit dieser Fotografie: 1 Jahr.
Man sieht an den Fotos, ob die Kamera gegen Osten gerichtet wurde, wenn die Sonne langsam steigt. Oder gegen Westen, wenn sie abfällt. Im Winter, wenn die Tage kurz sind und die Sonne niedrig steht kommt aufs Bild auch der ganze Sonnenverlauf. Diese Fotografie wurde 30 Tage lang belichtet.
4:00
Bei manchen Motiven, so wie hier Time Square in New York, ohne diesen zeitlichen Bezug von Sonnenspur, kann man nicht mehr eindeutig feststellen, ob das Bild länger als 7 Tage belichtet wurde. Das Weiß nur der Fotograf.
Stellen Sie sich vor. Sie stranden auf einer einsamen Insel, ohne Smartphone und in der Hoffnung irgendwann gerettet zu werden, möchten Sie ein Erinnerung Foto mit nach Hause nehmen. Was brauchen Sie? Erstens ein dunkles Raum, eine Kiste, Dose eine Hölle. Wenn Sie Glück haben, finden Sie vielleicht am Strand meine alte Gurkendose. Die würde sogar schon ein Loch haben. Außerdem brauchen Sie etwas, was sich nur, durch das Licht und Zeit physikalisch verändert.
Es gibt viele Möglichkeiten. Zeitungspapier, das beim Sonnenlicht vergilbt oder auch unsere Haut die Braun wird. In dem Fall nutzen Sie nur die Hellen nicht gebräunte stellen. Pflanzen, Obst, Gemüse, Pflanzen und Hölzer beim Reifen oder Alterung Prozess ändern auch ihre Farbe.
5:30
Ich habe vor dem Vortrag dieses rotes TEDx-Teppich entdeckt, der auch nicht Lichtecht ist.
(Lachen)
Man könnte also diese Materialien in eine Büchse laden und nach Monatelange Belichtungszeit eine Fotografie herstellen.
Auch viele Naturasphalte, Harze und Silbersalze verändern sich durch das Licht. Schneller und differenzierter.
6:00
Ich habe eine Rolle Fotopapier mitgebracht. Es ist lichtempfindlich und nicht giftig. Mit Silberbromid beschichtet. Legen wir ein Gegenstand auf das Papier, und setzen dem Licht aus, wird sich das Papier langsam verfärben. Ein Fotogramm, also Kameralose Fotografie wird entstehen. Dieses Fotogramm wird nicht haltbar sein. Wenn man den Gegenstand wegnimmt geht das Belichten weiter und das Bild verschwindet.
Sie können in der Pause, sich ein kleines Stück abreisen, mitnehmen und auch ein eigenes vergängliches Fotogramm herstellen. Wir schauen später was aus meinem Fotogramm geworden ist.
7:00
Joseph Nicéphore Niépce hatte diese Geniale Idee so ein Stück Fotopapier in eine Camera Obscura zu laden.
Im Mai 1816 machte er dieses Experiment. Das Verfahren nannte er „Retina“. Ich habe sein Versuch in meinem Atelier nachgebaut. Ein Blatt Papier beschichtete er mit Silbernitrat und legte es in eine Camera Obscura ein. Dieser Fotoapparat besaß eine Linse. Die Kamera platzierte er am Fenster seines Arbeitszimmers. Nach ein paar Tagen machte er die Kamera auf und holte dieses Stück Fotopapier heraus. Das Bild war sichtbar. Eine Fotografie im Negativ. Da wo viel Licht hinkam, verfärbte sich das Silbernitrat. Es entstand ein verkleinertes Abbild, von dem, was sich vor seinem Fenster befand. Das Problem bei dieser Technik war und ist, dass dieser Belichtungsprozess nach dem Aufmachen der Kamera weiter geht.
Man schaut das Bild an und man schaut auch, wie es nachdunkelt und verschwindet. Irgendwann ist kaum noch sichtbares da. Niépce´s Verzweiflung musste sehr groß sein. Er hielt in den Händen die erste Fotografie der Welt und konnte es der Welt nicht zeigen. Die kann man nämlich nicht mit der analogen Technik fixieren.
8:40
Heute haben wir Zeitmaschinen. Durch Digitalisierung und Speicherung können wir zu dem Zustand dieser Fotografie zurückkehren, bevor die verschwunden ist. Es ist nur oft ein Klick entfernt.
Man kann sie in irgendwelchem Bildbearbeitungsprogramm öffnen und ins Positiv umkehren. Das Programm rechnet entsprechende komplementäre Farbe dazu. Magenta wird zum Grün und Cyan zum Rot usw.
Der Blick aus meinem Atelier Fenster – 7 Tage lang belichte für die Ewigkeit im Bits gespeichert.
9:20
Der Fotoapparat aus dem Projekt „der 7. Tag“ hat keine Linse. Es ist eine alte Filmdose. In der Mitte bohre ich ca. 1cm große Öffnung. Dort klebe ich eine dünne Alufolie mit einem 0,2mm gestochenen Loch.
Ich bastle gleich mehrere hundert von diesen Kameras. Es ist eine Lochkamera, eine Gurkendose im Kleinformat.
Gegenüber vom Loch, innen drin, platziere ich ein kleines Stück Fotopapier. Ich verwende hunderte von Fotopapier Sorten. Manche herstelle ich selbst, manche kaufe ich bei Ebay. Jedes Papier reagiert anders mit dem Licht und dadurch ergeben sich immer andere Farbkonstellationen auf dem Bild.
10:20
So eine Lochkamera mit an mich Adressiertem Briefumschlag, ein schwarzes Cover (da kommt das belichtete Fotopapier rein) packe ich in ein Teilnahmeset zusammen. Ich stemple noch eine fortlaufende Nummer, der Nummer wird später zum Bildnummer. Man kann sich jetzt Fragen, wie bekommt man über 6 Tausend Sets in zwei Jahren unter die Leute. Um das zu beantworten muss ich ein paar Worte über mein wichtigstes Projekt sagen. Unterwegs mit Camera Obscura – das Projekt ist die Strasse.
11:20
Seit ungefähr 10 Jahren wandre ich mit einem 2×2 m Großer Blackbox durch die Städte Europas. Es ist eine begehbare Camera Obscura. Ich stelle die auf, auf öffentlichen Plätzen, Jahrmärkten, Fußgängerzonen. Es ist meine Galerie, mein Arbeitsplatz und manchmal auch Schlafplatz. Ich zeige und verkaufe meine fotografische Projekte, Lochkamera Fotografien, Heliografien, Lichtobjekte. Diese Wanderung mit der Box ist inzwischen zum eigenständigen Projekt geworden. Arbeiten die auf diesem Weg entstehen sind nur eine Begleiterscheinung dieses Projekts. Ich versuche immer ein fassbares magisches Ort zu Schafen. Mit Magie aus der Blechdose. Seit einiger Zeit endet mein Jahr auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt an der Münchner Freiheit, wo ich den ganzen Monat auch manchmal beim -20 Grad stehe. Ich lerne Abertausende Leute kennen und die unzähligen Gespräche und Freundschaften sind wahrscheinlich das Wichtigste Teil dieses Projekts. Und so wandern meine Sets durch viele Touristen gekauft in ganze Welt.
13:20
Man bekommt also diesen Fotoapparat und man platziert irgendwo an einem sicheren Ort. Das Loch Richtung auf das Motiv welches man aufnehmen möchte. Wenn man das Loch freimacht startet die Belichtung. 7 Tage , 1 Monat, 1 Jahr, egal wie lange. Man kann nicht überbelichten Zwar kann man diese Lochkamera mehrmals verwenden und immer wieder nachladen, aber für das Projekt wird nur eine einzige Fotografie gemacht. Deswegen auch die Suche nach dem Motiv dauert lange, manchmal auch sehr lange.
14:00
Nach dem fotografieren öffnet man die Kamera, bei gedämpftem Licht und holt das Bildchen heraus. Es ist das magische Moment, was wahrscheinlich auch Niépce vor 200 Jahren erlebt hat. Wie von Zauberhand nach Wochen oder Monaten des Belichtens erscheint ein schwaches farbiges Abbild. Eine Fotografie. Mit elementarsten Mittel aufgenommen. Licht, Zeit und Finsternis.
Dieses Papiernegativ wird mir zugeschickt. Eingepackt in das schwarze Cover.
Das ist meine Post. Es sind ca. 3000 Briefe, die ich in letzten zwei Jahren bekommen habe. In jedem Umschlag befand sich eine Fotografie, die mindestens 7 Tage lang belichtet wurde. Jeder diese Brief habe ich aufgemacht das Negativ rausgeholt.
15:10
Ich scanne die ein. Beim Scannen wird das Bildchen durch durchlaufende Licht Balken vom Scanner zerstört. Die Zerstörung ist ein wenig verzögert zu der Speicherung. Nach diesem Vorgang existiert das ursprüngliche materielle Unikat nicht mehr. Nur Information auf der Festplatte. Nach der Umkehrung ins Positiv und Anpassung von Gradation und Kontrast wird das Bild als große Datei auf der Internetseite des Projekts hochgeladen. Der Nummer was sich auf dem Briefumschlag befand wird zu dem Bildnummer. Man kann sich das Bild meistens nach 2 bis 3 Tagen aus dem Internet Archiv herunterladen.
16:00
Was sind diese Fotografien, die wie Malerei aussehen?
Wenn Sie mit einem Smartphone ein Foto machen bevor Sie auf ok. Drücken, können Sie sich das Bild mehr oder weniger wie es aussehen wird vorstellen.
Wenn Sie diese Lochkamera aufhängen und das Loch freimachen, also Sie starten das Belichten, man kann sich nicht vorstellen, wie das Bild nach Wochen oder Jahren aussehen wird.
Und es kann viel bei diesen lange Aufnahmezeit passieren.
Manche Negative, die ich bekommen habe, sind schon von Pilzen und Schimmel befahlen.
Manchmal durch Nässe und Hitze löst sich die Emulsion vom Papier und schwimmt aus, so wie bei dem Bild.
oder ein Vogel sticht in Alufolie ein größeres Loch. Die Schärfe nimmt ab und bleibt nur ein Schattenbild von dem was vorher war. (Lachen)
17:05
Es entstehen auch Serien und Langzeit Projekte. Hier ein Beispiel einer Serie mit Kamera die seit 4 Jahren Hoch im Baum hängt. Der Ast bewegt sich zusammen mit Kamera. Einmal im Jahr wird nur das Fotopapier gewechselt. Bis jetzt 4 Bilder, je 1 Jahr belichtet. 2010, 2011, 2012 und 2013. Im Dezember wird das Bild für das Jahr 2014 fertig sein.
Es gibt kein Ausschuss. Jedes Bild landet im Archiv.
Ich habe das Projekt vor 3 Jahren gestartet. Meine Briefkaste ist immer voll. Auch jetzt irgendwo in die Welt belichten tausende Dosen eine Fotografie.
Was ist die Rolle der Fotografen, der die Kamera aufhängt und die Belichtung startet. Es scheint, er initiiert ein Prozess, der danach dem Zufall und eigenem Schicksal überlassen wird. Der Fotograf wird zum stillen Beobachter. Niepce hätte es „Fotografien nach der Natur“ genannt. Ich verbeuge mich vor Ihnen und auch vor der Natur, die so geheimnisvolle und wunderschöne Abbilder von sich selbst, man kann fast sagen, selber macht. Bevor ich Vielen Dank sage, schauen wir was aus unserem Fotogramm geworden ist. Wir werden ihn nicht für die Ewigkeit speichern. Lassen wir ihn einfach vergehen. So wie damals vor 200 Jahren. Mit der erste Fotografie der Welt, geschehen ist. Für ein paar Augenblicke war sie da!
Vielen Dank. (Applaus)